Warum brauchen wir 30 %, um aus dem Minderheitenstatus rauszukommen?

Warum 30 % Frauenanteil nötig sind, um den Minderheitenstatus zu überwinden: Ein Blick auf Forschungsergebnisse und die Bedeutung für Soldatinnen

Frauen dienen seit über 20 Jahren in der Bundeswehr, aber eines fällt immer wieder auf: Sie sind in der Minderheit. Genau aus diesem Grund haben wir es uns zum Ziel gemacht nicht nur den „Token Status“ zu verlassen sondern einen wirklichen Wendepunkt zu erreichen. Wir haben uns mit den Berichten der/des Wehrbeauftragten der letzten fünf Jahre beschäftigt.

Wir schauen uns das ganze mal von der soziologisch/ psychologischen Genderforschung an.

Schnell wird klar was die Forschung dazu schon lange wissenschaftlich belegt: Eine Organisation verändert sich nachhaltig und sichtbar, wenn der Frauenanteil bei etwa 30 Prozent liegt.

Empfehlung dazu: Machtgebiete, ein Buch von Anna Sophie Herken, Christina Sontheim-Leven, Bettina Weiguny – Campus Verlag

Die Folgen sind bekannt:

  • Stärkere Beobachtung: Jede Handlung wird genau unter die Lupe genommen. Wird es dir mal „zu viel“ oder bist du genervt (wie es Männer im übigen auch mal sind) heißt es leicht mal „sei nicht so zickig“ oder „hast du deine Tage“.
  • Stereotypen: Anstatt Diese Frau ist… heißt es, Frauen sind….
  • Mehr Druck: Bloß nicht negativ auffallen! Es „erwartet“ ja keiner?! Ist das so? Frau kümmert sich um Haushalt, Kind und muss auch im Dienst ihre Frau stehen.

Knapp 70 Prozent aller Mütter mit minderjährigen Kindern sind erwerbstätig. Die Hauptlast der Sorgearbeit in der Familie wird jedoch weiterhin hauptsächlich von Frauen getragen, wie aus Zahlen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) hervorgeht.

  • Isolation: Kaum Verbündete, wenige Netzwerke – stattdessen leider oft der Kampf um Wahrnehmung und Wertschätzung, Kompetenz wodurch oftmals auch ein Wettbewerb zwischen den Frauen entstehen kann.
  • Rollenzuweisungen: Oft werden typisch weibliche Aufgaben übertragen – Kaffee kochen, Protokoll schreiben, Girls Day organisieren und unendlich viele weitere Beispiele.
    Kennt ihr diese Folgen? In unserer Community wurde zu diesem Thema auch schon heiß diskutiert, laut ausgesprochen was keiner „für möglich hält“ und thematisiert.

Was passiert bei weniger als 15 Prozent?

Rosabeth Moss Kanter hat 1977 den Begriff Tokenismus geprägt, der bis heute diskutiert wird. Wenn Frauen weniger als 15 Prozent einer Gruppe ausmachen, gelten sie als Tokens. Sie stehen dann nicht für sich selbst, sondern repräsentieren die Frauen.

Kurz gesagt: Unter 15 Prozent fehlt Raum für Normalität. Es herrschen Ausnahmezustände. Diese 15 Prozent sind nett aber sie reichen nicht. Oft hört man: Wir müssen nur die 15-Prozent-Quote erreichen. Die Forschung zeigt aber, dass das nicht genug ist. Zwar verschwindet bei diesen erreichten 15 Prozent der Token-Status aber die

  • Die Normen sind weiterhin männlich geprägt.
  • Frauen gelten immer noch als Ausnahme und nicht als Normalität.
  • Die Führungsqualitäten von Frauen wird immer noch oft infrage gestellt.
  • Einzelne Frauen werden oft gefragt oder sprechen für „alle“.

Kanter spricht von einer sogenannten kritischen Masse ab etwa 30 Prozent. Dann ändern sich die sozialen Regeln spürbar.

  • Frauen sind normal, keine Ausnahme mehr.
  • Weibliche Führung wird genauso akzeptiert wie männliche.
  • Stereotypen verlieren an Bedeutung.
  • Sprachstil, Umgangston und Teamregeln verändern sich nachhaltig.
  • Frauen müssen nicht mehr für alle sprechen – Vielfalt entsteht von selbst.
  • Organisationen profitieren nachweislich von unterschiedlichen Perspektiven.

Soziologisch gesehen entwickelt sich das System von reiner Repräsentation hin zu echter Teilhabe.

Die Berichte des Wehrbeauftragten zeigen jedes Jahr:

  • Der Frauenanteil steigt langsam, liegt aber in vielen Bereichen unter 15 Prozent.
  • In Führungspositionen sind Frauen oft deutlich unter 10 Prozent.
  • In manchen Truppenteilen sind Frauen kaum vertreten.
  • Im Sanitätsdienst liegt der Anteil bei über 45 Prozent – hier sieht man bereits die positiven Auswirkungen.

Was bedeutet das? Viele Soldatinnen befinden sich weiterhin in einem gesellschaftlich klar definierten Minderheitenstatus. 30 Prozent sind kein Wert an sich. Dieser kulturelle Schwellenwert ist wichtig, damit Organisationen fair, stabil und zukunftsfähig sind.

Konkret kann das für die Bundeswehr heißen: Die Frauen sind nicht nur da, sondern sie gehören dazu und leisten einen wichtigen Beitrag!

  • Weniger Belastung durch stereotype Erwartungen.
  • Bessere Akzeptanz von Frauen in Führungspositionen.
  • Stärkere Bindung an die Bundeswehr.
  • Mehr Bewerbungen, weil Normalität sichtbar wird.
  • Vielfältige Teams, bessere Entscheidungen, bessere Ergebnisse.

Quelle ist öffentlich einsehbar: Deutscher Bundestag – Jahresberichte

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