Wer bist du, wenn keiner zuschaut?

Ein Essay über Identität, Wirkung und das, was unter der Uniform liegt. | Franziska Walther

Dieser Satz fiel nicht in einem Büro. Er fiel mitten auf einem Stationsflur. Zehn Minuten zuvor: Argumente, Paragraphen, Verantwortung. Es ging um eine Aufgabe, die nicht in meinen Bereich gehörte. Die sie entlastete. Und mich angreifbar machte. Mit einem Bein im Knast zu stehen, nur damit das Teamgefühl besser funktioniert. Es ging um unausgewogene Unterstützung, um dieses stille Gesetz: Von unten nach oben wird geholfen. Andersherum nicht. Und in mir nur eine Frage: Wenn ich falle, steht sie dann hinter mir?

Wir wechselten zwischen Rationalität und Emotion, zwischen Fakten und Haltung. Argumentativ war ich stärker. Sachlich hatte ich recht. Nur mein Dienstgrad war kleiner.

Von ihr ließ ich mich nicht mehr mit einem guten Gefühl führen. Nicht wegen des Rangs. Wegen des Vertrauens. Ich wusste: Wenn es ernst wird, versteckt sie sich hinter Strukturen. Was ihr passiert ist, passiert vielen. Besonders Soldatinnen und Frauen bei der Bundeswehr. Und ich sage das nicht von außen. Ich habe 12 Jahre gedient, 14 Jahre geführt, zwei Managementstudiengänge absolviert und selbstorganisierte Teams aufgebaut. Und ich
habe mich lange hinter Titeln, Status und Prestige versteckt. Die Uniform und Karrierestufen waren auch meine Rüstungen. Weil ich gesehen werden wollte und geglaubt habe, dass das der einzige Weg zu Autorität ist.

Studiengänge obendrauf. Die richtigen Stellen. Möglichst viel Wissen. Immer mehr Oberfläche. Und immer weniger Kontakt zu dem, was darunter lag.

Man funktioniert so reibungslos, dass man vergisst nachzufragen, ob man dabei noch man selbst ist.
Erst als ich begann zu begreifen, dass diese Fassade aufrechtzuerhalten mich mehr Kraft kostete als ehrlich hinzuschauen, wer ich bin und was ich wirklich brauche, veränderte sich alles. Vor allem meine Wirkung auf andere.

Das Beispiel von damals zeigt im Außen, was im Inneren desorientiert und verloren ist. Man muss
keine Kämpfe im Außen führen und bei Einbruch der eigenen Stabilität auf Status verweisen. Man
braucht nur hinzuschauen, was von einem weggeglitten ist im Inneren. Vielleicht nicht das Recht zu gewinnen. Aber das Vertrauen, vor allem zu sich selbst. Gerade in Strukturen wie der Bundeswehr werden diese Fragen gerne beiseitegeschoben.

Foto zeigt Franziska damals

Formale Strukturen können Verhalten vorgeben, an dem man sich nicht nur orientiert, sondern irgendwann identifiziert. Man liest ab, was hier gilt, wie man sich bewegt, wie man spricht, wie man führt, was als stark gilt und was als schwach. Schicht für Schicht legt man ein Beschreibungsnetz über sich:

Manche dieser Beschreibungen kommen von innen. Viele kommen von außen und fühlen sich nach einer Weile wie die eigenen an. Das ist Sozialpsychologie. Als Frau trägt man noch eine Schicht mehr. Die Frage, die kaum jemand laut stellt, aber die viele kennen: Wie viel von mir darf hier sein? Man macht die eigene Art zu
handeln und zu führen kleiner, weil sie anders ist. Man vergleicht sich als Frau, mit Kolleginnen, mit Kameraden, mit dem Bild einer Führungsperson oder einer Soldatin, dass die Struktur vorgibt. Man kämpft mehr, um denselben Raum einzunehmen, der anderen selbstverständlich gegeben wird. Man wird härter. Nicht weil man hart ist, sondern weil sich Härte sicherer anfühlt als das, was man glaubt mitzubringen.

Irgendwann weiß man nicht mehr genau, ob das noch Strategie ist oder schon Identität.

Dabei ist Weiblichkeit kein Widerspruch zu Stärke. Sie ist ein Identitätsbestandteil, so individuell wie die Person, die sie trägt. Stärke muss nicht auf eine bestimmte Art aussehen, um zu wirken. Die Frage ist nur:

  • Was bedeutet Weiblichkeit für dich?
  • Was hast du davon abgelegt, weil es hier keinen Platz zu haben schien?
  • Und was hat dich das gekostet?

Wenn man lange genug ein Verhalten trägt, das nicht zur eigenen Person passt, zieht sich das Korsett zu. Man merkt irgendwann nicht mehr, wo die Struktur aufhört und man selbst anfängt. Und dabei verliert man nicht selten sich selbst. Und damit die eigene Wirkung. Denn Wirkung beruht nicht nur auf dem, was formal mitgebracht wird, sondern auf kongruentem Auftreten: Strahlst du das aus, was du innerlich
auch bist? Die Sozialpsychologie und Neurowissenschaft sind in diesem Punkt eindeutig:

Menschen bilden sich in weniger als 30 Sekunden ein stabiles Urteil über eine Person. Nicht auf Basis dessen, was jemand sagt. Auf Basis dessen, was jemand ausstrahlt. Körperhaltung, Blick, Präsenz, die Art wie jemand einen Raum betritt, das alles kommuniziert, bevor ein Wort gesprochen wurde. Wer nach außen optimiert, Körpersprache trainiert, Kommunikationstechniken lernt, ohne den Kern anzufassen, baut auf Sand. Wenn das, was darunter liegt, nicht stimmt, spüren das andere. Die Forschung zur emotionalen Ansteckung zeigt: Emotionale Zustände übertragen sich unwillkürlich, in Millisekunden, bevor der Verstand des Gegenübers eingreifen kann. Und damit beginnt ein Teufelskreis: Man wirkt nicht wie man will, vergleicht sich, optimiert die Oberfläche weiter, verliert sich dabei noch mehr, wirkt weniger. Und so
weiter.

Bei mir war es ein Foto, das diesen Kreislauf
unterbrochen hat. Ende 2019, auf dem Höhepunkt dessen, was nach Außen nach Erfolg aussah, machte ich ein Selbstportait und war
nach der Betrachtung des Bildes schockiert. Ich erkannte mich nicht. Nicht den Blick. Nicht die Energie. Nicht die Frau die abgebildet war.
Das Bild war ehrlicher als ich mir selbst
gegenüber war. Weil unser Verstand uns gern austrickst. Worte beschönigen, erklären, relativieren. Ein Bild tut das nicht.
Neurowissenschaftlich ist es erklärbar: Visuelle
Wahrnehmung wird durch limbische Strukturen
verarbeitet, dort wo Emotionen und Selbstbilder
verankert sind, bevor der rationale Verstand eingreifen kann. Was wir fotografieren, wählen wir aus einem inneren Sehen heraus, bevor wir wissen, was wir zeigen wollen. Das Bild zeigt, was ist. Und was du siehst, kannst du verändern.

Foto entstand Ende 2019


Was danach kam, war kein Neuanfang. Ich habe nicht aufgehört zu führen. Ich habe nicht alles hingeworfen. Ich habe weitergemacht, mit Verantwortung, mit Anspruch, mit Konsequenz. Aber anders. Leichter. Mit dem Gefühl, wirklich weiblich sein zu dürfen und dabei trotzdem, vielleicht zum ersten Mal, wirklich stark zu sein. Nicht weil ich mich angepasst hatte. Sondern weil ich abgelegt habe, was ich glaubte darstellen zu müssen. Das ist der Punkt, den viele übersehen: Es geht nicht darum, weniger zu leisten. Es
geht darum, endlich aus dem eigenen Kern heraus zu leisten. Und das verändert alles. Die Wirkung auf andere. Das Vertrauen das entsteht. Und das Gefühl, morgens aufzuwachen und sich in dem, was man tut, wiederzuerkennen. Aus diesem einen Foto ist ein ganzes Projekt entstanden. Und schließlich eine
Methode: MIRAREcore. Ich stelle Fragen. Du beantwortest sie mit Fotos. Projektive Bildarbeit, die Antworten sichtbar macht, die Sprache allein nicht erreicht.

Die eigentliche Frage ist nicht immer: Wer bin ich?

Denn Identität und Selbstbild sind die Grundlage von Haltung. Und Haltung ist das, was nach außen strahlt, ob man will oder nicht. Wenn das, was innen ist, und das, was außen gezeigt wird, auseinanderfallen, spüren das andere, oft bevor man es selbst bemerkt. Menschen folgen dort, wo sie Vertrauen spüren. Nicht dort, wo Autorität auf dem Papier steht. Dort, wo eine Person spürbar ist. Wo Verhalten und Persönlichkeit in dieselbe Richtung ziehen. Und das setzt voraus, dass diese Person sich selbst spürbar ist.

Damals auf dem Stationsflur war der Dienstgrad größer. Das Vertrauen war kleiner. Ich wusste es. Und sie wusste es auch. Heute habe ich Mitgefühl mit ihr. Denn was sie zeigte, war die Suche nach Stabilität
durch Rang. Die Schwierigkeit zu erkennen, dass man gerade Herausforderungen hat, die man nicht
kommunizieren mag und die Sorge, dass nicht die Tatsache, sondern sie selbst als Person abgelehnt wird.
In diesem Moment habe ich etwas verstanden, das mich bis heute trägt: Uniform, Status und Titel verleihen keine Autorität. Sie entlarven sie. Denn wenn du zu deinem Rang greifen musst, um gehört zu werden, dann fehlt dir etwas anderes. Führung ohne Vertrauen ist nur Hierarchie. Und wer sich hinter Rang versteckt, führt am Ende nicht einmal sich selbst.

Wenn dich das bewegt, fühl dich eingeladen zu erforschen. Nicht durch Worte, sondern durch Bilder. Kreative Prozesse lassen Fragen länger im Unterbewusstsein wirken als Worte es tun.

Nimm dein Smartphone. Geh raus. Und fotografiere:
Wo bist du, wenn du nicht mehr da bist? Was hinterlässt du?
Was von dir bleibt, im Raum, in anderen, in Situationen? Mache ein Selbstportrait, ohne selbst physisch auf dem Bild zu sein!

Franziska Walther ist Mentorin für visuelle Identitätsarbeit, Charisma Coach und ehemalige
Soldatin und > 14 Jahren Führungserfahrung. Sie ist Founder und CEO von MIRAREcore, das
projektive Bildpsychologie, Neurowissenschaft und sozialpsychologische Identitätsprozesse
verbindet, und begleitet damit Unter-nehmerinnen sowie Führungspersonen in Bundeswehr, Polizei und Wirtschaft zurück in Klarheit und tiefe Wirkung

Foto zeigt Franziska heute


Wenn dich das tiefer zieht, lernst du genau das im exklusiven Workshop bei meet Bw:
Du lernst, was wirklich Verhalten beeinflusst und deine Identität formt und löst auf, was dir nicht dienlich ist. Ich stelle Fragen. Du beantwortest sie mit Fotos. Und was sichtbar wird, kannst du verändern.

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